Forschungsdatenmanagement in BRIDGING

Forschungsdatenmanagement in BRIDGING

Aktuelle Diskurse in der Forschung weisen zunehmend auf das Potenzial offener Forschungsprozesse hin. So kann beobachtet werden, dass offene Forschungspraktiken entlang des gesamten Forschungsprozesses zunehmend an Bedeutung gewinnen. Will man Offenheit jedoch ernsthaft in einem Forschungsprozess berücksichtigen, bedeutet dies, dass Offenheit sich nicht nur im Bereich von Open-Access-Publikationen niederschlägt. Vielmehr geht es darum, die Prinzipien offener Forschung von Beginn an zu berücksichtigen (vgl. Steinhardt 2018). Das Projekt BRIDGING bot die Gelegenheit, genau diese zeitgemäßen Praktiken in der Datenerhebung und Datenverarbeitung aufzugreifen und im Forschungsprozess anzuwenden, wobei in diesem Forschungsprojekt ein qualitatives Forschungsdesign verfolgt wird.

Offenheit von Anfang an

Konkret bedeutet dies, dass sowohl die Datenerhebung, die Datenauswertung und die Datenarchivierung abhängig von den Prinzipien der qualitativen Sozialforschung offen gestaltet werden. Damit einher gehen unterschiedliche technische, aber vor allem auch soziale Anforderungen. Insbesondere in der qualitativen Forschung stehen wir hier vor der Herausforderung, die erhobenen Daten zu anonymisieren und die Interviewpartner_innen davon zu überzeugen, ihr gesprochenes Wort auch offen zugänglich zu machen. Diese Vorbehalte wurden auch schon von anderen Forscher_innen thematisiert (vgl. Fecher, Friesike, und Hebing 2015; Whyte und Pryor 2011).

Doch was bedeutet es nun konkret, Offenheit in einem qualitativen Forschungsprozess zu berücksichtigen und sowohl die Zugänglichkeit der Daten als auch deren Nachnutzung zu gewährleisten?

Lessons learned

Im Rahmen des qualitativen Forschungsprojektes BRIDGING haben wir hierzu einige Erfahrungen gesammelt, die wir in diesem Beitrag gerne weitergeben wollen.

BRIDGING ist als qualitatives Forschungsprojekt angelegt und untersucht den Transfer digitaler Hochschulbildungskonzepte aus Hochschulverbünden in Fachdisziplinen. Die Datengrundlage hierbei sind individuelle leitfadengestützte Interviews. Diese entsprechend des Open Science Ansatzes offen und transparent zugänglich zu machen, zieht einige Implikationen nach sich.

Davon ausgehend hat das Team von BRIDGING schon sehr früh im Projekt (Frühjahr 2018) das Beratungsangebot der Universitätsbibliothek der TU Hamburg (tub.) zum Forschungsdatenmanagement (FDM) wahrgenommen. Im Hinblick auf eine spätere Nachnutzungsmöglichkeit der erhobenen Daten durch andere Forschende wurde mit Hilfe einer Juristin an der tub. eine Einverständniserklärung verfasst, die verschiedene Grade von Offenheit in der Nachnutzung vorsieht. Interviewpartner_innen im Projekt sollten schon vorab darüber aufgeklärt werden, dass die Absicht besteht, ihre Aussagen durch die Zugänglichmachung in einem wiss. Datenrepositorium für Interessierte bereitzustellen.

Als Datenrepositorium wurde für diesen Zweck gesis ins Auge gefasst, das 2018 in der wiss. Community als erster Anlaufpunkt für sozialwissenschaftliche Daten galt. Nach Abschluss der Auswertung einer großen Zahl von Interviews wurde Anfang 2019 der Überstellungsvorgang der Daten an gesis aufgesetzt. Ein Telefonat mit dem Datenrepositorium zum Zweck einer abschließenden Beratung und Validierung des geplanten Vorgehens förderte den Umstand zutage, dass gesis nur noch quantitative Daten aufnehmen würde. Beispiele qualitativer Daten im datorium von gesis, an denen sich das Team BRIDGING orientiert hatte, wurden als Sonderfälle aus den Anfangszeiten des Forschungsdatenzentrums eingeordnet.

Zusammenarbeit und Unterstützung

Diese Aussage forderte dazu auf, einen neuen Ort für die Interviewdaten aus BRIDGING zu suchen. Die Beratung bei gesis hatte das DFG-geförderte Projekt Qualiservice in Bremen empfohlen, das sich auf qualitative sozialwissenschaftliche Daten spezialisiert hat. Eine erste telefonische Kontaktaufnahme mündete unmittelbar in eine sehr positive Beratung und Begleitung des FDM-Prozesses. So konnten in weiteren Telefonaten mit Projektmitarbeiter_innen in Bremen auch forschungsethische und technische Fragen im Umgang mit den Daten geklärt werden. Das Team BRIDGING wurde u.a. in der Absicht bestärkt, von den Interviewpartner_innen eine weitere Einverständniserklärung mit detaillierten Aussagen zu den Rahmenbedingungen des FDM einzuholen, wenn diese einer Zugänglichmachung grundsätzlich zugestimmt hatten.

Dieses Anschreiben wurde in wechselseitiger Abstimmung formuliert, wobei auch viel Wissen und Praxiserfahrung im Umgang mit Forschungsdaten in der Nachnutzung kommuniziert wurden. So wurde bspw. deutlich, dass die Zugänglichmachung von Forschungsdaten bei Qualiservice in Bremen an sehr strikte Bedingungen geknüpft ist. Der Aufwand, der mit der Nachnutzung verbunden ist, schützt die Teilnehmenden von Studien jedoch vor nicht-wissenschaftlichen Zugriffen auf ihre Daten und grenzt sich damit von frei zugänglichen Datenplattformen wie Zenodo ab.

Außerdem konnte festgestellt werden, dass die Kenntnis und Berücksichtigung aller Bedingungen für die Zugänglichmachung von Forschungsdaten zu Beginn einer Erhebung diese beeinflusst hätte. Das bedeutet, wenn ein Ziel in einem Forschungsprojekt die abschließende Zugänglichmachung der Daten ist, kann dieses durch das Design der Erhebung präziser angestrebt werden, wenn alle Bedingungen des FDM vorher bekannt sind und berücksichtigt werden. Allerdings ist das Team BRIDGING zu dem Schluss gekommen, dass sich dieses Ziel auch auf die Formulierung der Interviewfragen und die Atmosphäre des Gesprächs auswirken und ggf. die Aussagen der Teilnehmenden unerwünscht lenken könnte.

Es kann an dieser Stelle des Forschungsprozesses festgestellt werden, dass die Erhebung qualitativer Daten mit einem erheblichen Aufwand für die Nachnutzung verbunden ist. Dieser besteht nicht nur in der besonderen Aufbereitung für die Nachnutzung (Anonymisierung/Pseudonymisierung), sondern auch in der Abstimmung der Transkripte mit den Teilnehmenden der Studie. Dies nimmt Zeit in Anspruch und birgt das Risiko, dass Teilnehmende trotz anfänglicher Zustimmung für die Zugänglichmachung ihrer Aussagen, diese zurückziehen, wenn sie sie schwarz auf weiß vorgelegt bekommen.

Wir befinden uns noch im Forschungsprozess, da das Projekt BRIDGING erfreulicherweise bis Ende 2019 verlängert wurde. Daher können und wollen wir an dieser Stelle weiter berichten.

Literatur

  • Fecher, Benedikt, Sascha Friesike, und Marcel Hebing. 2015. «What Drives Academic Data Sha-ring?». PLoS ONE 10 (2): https://doi.org/10.1371/journal.pone.0118053
  • Steinhardt, Isabel. 2018. «Open Science-Forschung und qualitative Methoden – fünf Ebenen der Reflexion». MedienPädagogik 32, (Oktober), 122–138. https://doi.org /10.21240/mpaed/32/2018.10.28.X.
  • Whyte, Angus, und Graham Pryor. 2011. «Open Science in Practice: Researcher Perspectives and Participation«. IJDC 6 (1): 199–213. https://doi.org/10.2218/ijdc.v6i1.182

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